Gerade hat an der Berliner Karl-Marx-Allee die legendäre Mokka-Milch-Eisbar aus den Sixties wiedereröffnet. Und zeitgleich kommt im tiefsten Charlottenburger Westen, dort, wo die Komische Oper, Walter Felsensteins einstiges Musiktheater-Bollwerk des Ostens, im ehemaligen Schiller-Theater ihr vermutlich langwährendes Umbauinterim bezogen hat, der Revue-Abend „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ heraus.
Der ist Teil eines größeren Projekts, das sich dem „Heiteren Musiktheater der DDR“ widmet. Die Wessis kannten solches kaum, im Osten droht es schon wieder in Vergessenheit zu geraten. Konzipiert wurde der wundervoll vielschichtige, grellbunte, aber auch mental tieferschürfende Abend von dem mit Geburtsjahr 1983 gerade noch als Ossi durchgehenden Film- und längst auch Opernregisseur Axel Ranisch sowie dem schon bei den jazzigen Kosky-Operetten am Haus glänzenden amerikanischen Pianisten, Arrangeur und Orchesterleiter Adam Benzwi.
Und so saßen jetzt zwei ehemalige (Walter Momper, Klaus Wowereit) und der Regierende Bürgermeister im Publikum, außerdem in Reihe 9 – mit Lederjacke, roter Krawatte, Sowjetstern an der Tamara-Bunke-Baskenmütze und den obligatorischen Zöpfen – der 84 Jahre alte Schlagerstar Chris Doerk. Die erfreute sich, wie auch das begeisterte Publikum, an ihrer Wiedergängerin auf der Bühne, die mit ihrem Defa-Filmhit „Heißer Sommer“, der glücklicher endenden Ost-„West Side Story“ von 1968, das rauschende Pausenfinale einläutete.
Die „Mokka-Hits“ waren schon im Vorfeld der DDR-Verklärung verdächtigt worden. Dem ist keineswegs so. Im Gegenteil. Das handlungslose, didaktische, von der Ruinenstunde Null bis zum Mauerfall reichende Narrativ, das leise startet und ebenso endet, aber mittendrin ordentlich aufdreht, wird stets historisch einordnend gebrochen. Es ist sogar ein wenig ortsüblich queer angereichert. Politbüro-Versprechen werden mit dem nicht selten tristen Volksrepublik-Status-Quo konfrontiert.
Da kann „Die Berliner Lage“ aus einem kabarettistischen „Distel“-Programm von 1956 zwar fröhlich rumbarasseln, aber sie bleibt trist. Aus diesen Kontrasten zieht das nur zwei Stunden kurze Tuttifrutti-Programm seinen Reiz, aber sie bremsen es auch zeitweise; da hätte etwas mehr Tempo gutgetan. Doch die melancholisch-meckernden Passagen bis hin zum zu kurz gekommenen Nachwende-Ossi machen Thorsten Merten mit seiner ganzen, nuancenreichen Schauspielkunst durchaus zum Gewinn.
„An der Spree und an der Panke“ wird der Aufbau Ost gefeiert, mit „Kalinka“ wird dem übergroßen sozialistischen Ostbruder gehuldigt, und die ungemein wandlungsfähige Gisa Flake bejubelt (wie einst Gisela May) realsozialistisch-zynisch „Zwei liebevolle Schwestern“ – nämlich Moskau und Berlin. Da hüpft das Ballett (gekonnt choreografiert von Christopher Tölle) im FDJ-Jeansstrampelhöschen, um später soldatisch die Mauer zu errichten. Die hebt sich als betonierter Widerhaken erst zum glücklichen Ende in der Revuekulisse zwischen der geschwungenen Showtreppe, dem fulminanten Orchester der Komischen Oper und der links vorn sitzenden Band.
Auf die auch musikalisch miese Schutzwall-Verherrlichung „Im Sommer 61“ antworten, ganz in Ulbricht-Beige, die tollen Chorsolisten mit Brecht/Eislers zunächst ganz leise a cappella intonierter „Kinderhymne“. Danach beträllert die famose Mirka Wagner manifest den „Tourismus“, als sei er ein Fünfjahresplan, der zwar auch ein Ismus ist, aber kaum Reisefreiheit verspricht.
Der superbunte Abend, der sich mit Schlagern und Sketchen an die legendäre DFF-Supershow „Ein Kessel Buntes“ anlehnt, inkludiert natürlich auch die von der den Lipsi als Arbeiter-und-Bauern-Rock’n’Roll-Alternative ablehnenden DDR-Bevölkerung herbeigesehnten Singstars aus den Brudernationen wie dem westlichen Ausland: Karel Gott alias Johannes Dunz schmachtet akzentsicher in mährischer Bauerntracht „Einmal um die ganze Welt“, während hinten die Russen den Prager Frühling abräumen. Die wuchtige Gisa Flake und der spillerige Philipp Meierhöfer bringen hingegen als Helena Vondráčková & Jiří Korn (mit der tschechischen Version von „Save Your Kisses For Me“) und als vom rotperückten Ballett verstärkte Katja-Ebstein-Klone („Wunder gibt es immer wieder“) den Saal zum Überkochen.
Ganz große Schlagerklasse sind auch die kess steppende Maria-Danaé Bansen und der im Metallic-Seventies-Teil sein liebevoll gekämmtes Brusthaar vorführende Nico Holonics. Da baumeln dann in Erichs Palast-der-Republik-Lampenladen die Discokugeln, man hängt zu „Cola-Wodka“ fröhlich schwofend ab, aber gleich gefriert das Lachen wieder zu Wolf Biermanns bitterer „Ermutigung“. So folgt auf Entspannung – weil ganz anders gemeint – Ernüchterung. Auf „Das ist die Welt, in der ich glücklich bin“ und andere einlullende Lieder von Thomas und Gerd Natschinski antworten Reinhard Lakomy, „Solo Sunny“, Manne Krug und die Puhdys.
Es war nicht so vieles gut in der DDR, aber in ihrer sorgfältig gemachten Amiga-Unterhaltungsmusik wie den struppigen Gegenrhythmen wuchs sie immer wieder über sich hinaus. Was diese stilvoll klanggewebte Komische-Opern-Produktion, eine der besten seit Langem, unter Beweis stellt. Man geht – gut so – mit widerstreitenden Gefühlen in die Berliner Nacht, in uns klingt so manches Ostlied nach.
Quelle: WELT
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